Frankfurt schreibt seine GeschichtenBETA

Eine Episode aus dem Bethmannpark. E.S. erzählt, wie ihr der Park und eine Begegnung dort half, sich (wieder) zu sehen.

Sehen lernen im Park
Heute fühle ich mich schwer, noch viel schwerer, als es meinem Gewicht entspricht. Das Aufstehen vom Küchenstuhl ist mühsam, ich schleppe mich ins Bad und stehe vor dem Waschbecken, vermeide den Blick in den Spiegel. Mir würde wieder diese ausdruckslose Frau mit der zu hellen Haut, dem zu runden Gesicht und den müden Augen entgegenschauen, der ich trotz vieler Versuche keine Sympathie entgegenbringen kann. Oft wünsche ich mir, ich sähe nur noch die fremden, aber nicht auch die vertrauten Züge, die aus einer besseren, lange vergangenen Zeit stammen. Ich beende das Zähneputzen, klatsche mir Wasser ins Gesicht, trockne mich hastig ab und verzichte, wie fast immer in letzter Zeit, auf Creme und Schminke. Das unbestimmte Gefühl in meinem Bauch könnte Hunger sein, aber eigentlich habe ich vergessen, wie er sich wirklich anfühlt. Deshalb sind Kühlschrank und Brotkasten leer, deshalb wollte ich von der Hand in den Mund leben, um mich zu disziplinieren, um dieses Verlangen in den Griff zu bekommen, um wieder zufriedener in den Spiegel schauen zu können. Melli, sage ich zu mir, du gehst zum Bäcker und holst dir zwei Brötchen, das reicht für Frühstück und Mittag. Als ich aus dem Laden trete, wiegt die Kuchentüte schwer in meiner Hand. Schnell verstaue ich das Paket in meinem Rucksack. Eine Straße weiter ist der Bethmannpark, dort setze ich mich auf eine sonnige Bank. Meine Augen sehen die knallroten Tulpen, blaublühende Sträucher, gelbe Narzissen, eine große, rotbraune Amphore, die Palme, das weiße Gewächshaus. Mein Kopf registriert: Das ist schön, und ich warte auf eine Regung meines Herzens. Aber meine Gedanken wühlen in dem Rucksack, bleiben hängen bei: Ich esse nur das Brötchen, den Kuchen werfe ich weg, ich esse nur das Brötchen … reglos sitze ich da, in meinen Augen sammeln sich Tränen. „Darf ich mich hier hinsetzen?“, fragt eine männliche Stimme. Aus den Augenwinkeln nehme ich eine unklare Gestalt wahr. Als ich den Kopf in ihre Richtung bewege, purzeln zwei kalte Tränen auf meine Wangen, die ich schnell wegwische. Die Gestalt wird zu einem alten, grauen Mann. Ich mache eine flüchtige, einladende Handbewegung. „Schön hier“, sagt er. Jetzt will er auch noch ein Gespräch beginnen, ich muss weggehen. Aber ich kann mich nicht rühren. „Ja, so schöne Sonne heute.“ Ich antworte wie ein gehorsames Kind. Ich sollte gehen! Er packt eine Dose mit kleinen Salzbrezeln aus. „Möchten Sie?“ Ich schaue auf das Essbare, mein Atem zieht sich zusammen, kurz zögere ich. „Nein, vielen Dank.“ Er kaut auf seiner Brezel. „Ich liebe die Stille hier.“ „Ja“, antworte ich, „aber die gibt es nur unter der Woche.“ „Da haben Sie recht.“ Kurze Pause. „Sie wirken ein wenig traurig.“ Wie kann er ... ein Fremder ... was geht ihn das an ... was mache ich ... „Entschuldigen Sie, ich bin manchmal sehr direkt“, fährt er fort, „seit meiner Krankheit ...“ Nein, bitte keine Krankengeschichte! „... und die Krankheit ist nicht zu besiegen, sie ist nur im Zaum zu halten. Ich bin jetzt 56 ...“ Oh, nur wenig älter als ich! „... und dadurch ist mir deutlich geworden, dass ich nicht mehr so viel Zeit habe. Deshalb lasse ich Unnötiges weg, deshalb meine Direktheit.“ Schweigen. „Waren Sie schon mal auf dem Friedhof an der Peterskirche“, fragt er dann, „ich meine, so ganz bewusst?“ „Nein, ich gehe nicht auf Friedhöfe.“ Ich habe nie das Grab meiner Mutter besucht. „Meine letzte Erinnerung an einen Friedhof stammt aus meiner Kindheit. Ich habe meine Großmutter begleitet, und wir haben Eichhörnchen gefüttert, sie haben direkt aus der Hand gefressen.“ Warum erzähle ich ihm das? „Ein schönes Andenken! Ich bin bis vor zwei Jahren auch nie auf Friedhöfe gegangen. Erst durch Britta, eine junge Fotografin, bei der ich einen Kurs besucht habe, bin ich auf den Petersfriedhof gekommen. Durch die Fotografie habe ich Sehen gelernt.“ Aha, älterer Mann, junge Frau, das kennt man... „Hier, schauen Sie mal“, er nimmt sein Smartphone und sucht kurz in seinen Bildern, „das ist das Grab von Goethes Vater, und direkt daneben der Kindergarten. Ist das nicht ein schönes Bild: das Vergangene und das neue Leben? Und da, die uralten Grabplatten, und direkt darüber die Wohnungen mit den blühenden Blumen, die über die Mauer hängen. Schauen Sie, dieses Foto mit den wunderbaren Farbschattierungen, das ist Teil einer Grabinschrift. Oder diese Kamelie, ist das nicht ein wunderbares Rot! Und hier ein Lavendelbusch – er würde langweilig aussehen in der Menge. Aber dieser einzelne Zweig, diese Formen, dieses Blau!“ Ich spüre einen Pinsel in meiner Hand, tauche ihn in das Rot, ich rieche die Farben... „Und dann, beim Thema Porträtfotografie, habe ich mit einer anderen Teilnehmerin, mit Lisa, zusammengearbeitet, wir haben uns gegenseitig fotografiert. Später, bei der Bearbeitung der Bilder, musste ich immer länger auf das Foto von ihrem schönen Gesicht schauen. Lisa ist mir vorher nie aufgefallen, obwohl wir schon sechs Wochen zusammen im Kurs waren. Sie ist wohl eher eine unscheinbare Person, aber jetzt, nachdem ich sie gesehen habe, kann ich das nicht mehr beurteilen. Hier, schauen Sie“, er zeigt mir das Foto einer blonden Frau mit rundem Gesicht, „lächelt sie nicht wie Mona Lisa?“ Ich sehe meinen Gesprächspartner jetzt direkt an. Er trägt eine grüne Jacke und hat schöne, fast leuchtende Augen in seinem zerknitterten Gesicht. „Meine Bilder bestanden früher aus Farben. Warum habe ich sie nur vergessen?“, denke ich, sage ich. Und spüre mein hoffnungsvolles Lächeln.

Frankfurt, 02.02.26

Elke Spichalski