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Frankfurt aus der Perspektive eines Mitglieds einer der ersten befriedeten und politisierten Generationen des Nachkriegs-Frankfurt.

21.10.2025

Meine Frankfurter Geschichte

Ich bin in Frankfurt am Main groß geworden; streng genommen kam ich erst 1969 als Fünfjähriger nach Bornheim. Meine Familie zog damals aus beruflichen Gründen meines Vaters um. Ich war ein gleichwohl fröhliches Kindergartenkind aber verstand zunächst nicht, warum die Welt plötzlich eine andere war. Aber ich nahm sie an, die Frankfurter Besonderheiten. Heute würde ich sagen: Ich bin zwar „eingeplackt“ (zugezogen, Anm. der Red.), aber fühle mich als echter Frankfurter.
Geboren wurde ich 1964 in Herborn, einem hübschen Städtchen in Mittelhessen. Mein Vater war von Geburt an ein echter Bornheimer Bub, kehrte mit uns in seine Heimat zurück. Anfangs lebten auch noch meine Großeltern in der Nähe. Besonders prägend war für mich die Geschichte meiner Großmutter: Sie stammte aus einer traditionsreichen Gastronomiefamilie, die die größte Apfelweinwirtschaft in Bornheim betrieb. Noch heute umweht mich bei jedem Glas „Stöffche“ (Apfelwein, Anm. der Red.) ein wenig dieser Familiengeist.
Dieser Familiengeist war auch geprägt von Haltung und Widerstand. In der Zeit des Nationalsozialismus, als Frankfurt von den Nazis regiert wurde und der jüdische Oberbürgermeister Ludwig Landmann 1933 durch den NSDAP-Mann Friedrich Krebs ersetzt wurde, spielten nicht alle Frankfurter mit. Meine Großmutter zum Beispiel hatte ihre eigene Art des stillen Widerstands: Wenn sie auf der Straße den Hitlergruß ausführen musste, sagte sie stets etwas vernuschelt „Drei Liter“. Eine kleine Geste, aber ein Ausdruck von Haltung.
Mein Vater war 17 Jahre alt, als er im Frühjahr 1944 an der Musterschule ein „Notabitur“ ablegen musste. Danach wurde seine Klasse eingezogen, die letzte Reserve und Hoffnung der Stadt. Als Flakhelfer wurde er in Fechenheim eingesetzt, um Frankfurt gegen die alliierten Luftangriffe zu verteidigen. Die jungen Männer hatten wahnsinnige Angst. Sie rauchten Kette, um die Nerven zu beruhigen. Eines Tages erklärte sich mein Vater bereit, Zigaretten zu besorgen. Als er zurückkam, war seine Stellung ausgebombt. Fünf seiner Klassenkameraden waren tot. Diese Erfahrung hat ihn tief geprägt und er hat uns mehrfach von diesem Trauma erzählt. Das erinnert mich bis heute daran, wie kostbar Frieden und Freiheit sind.
Im März 1944 erlebten mein Vater und seine Eltern die verheerendsten Bombenangriffe, von denen sie mir später berichteten: Die Paulskirche brannte vollständig aus. Der Stadtkern wurde nahezu vollständig zerstört, darunter alle Kirchen bis auf die Alte Nikolaikirche und die Leonhards Kirche. Von den rund 2.000 innerstädtischen Fachwerkhäusern blieb nur das Haus Wertheim am Fahrtor unbeschädigt. Insgesamt kamen bei den Angriffen im März 1944 über 1.500 Menschen ums Leben, und mehr als 120.000 wurden obdachlos.
Nach dem Krieg lag Frankfurt in Ruinen. Doch der Wiederaufbau begann zügig. Meine Großmutter war eine der sogenannten „Trümmerfrauen“. Sie half mit, den Schutt zu beseitigen und die Stadt wieder aufzubauen. Wenn ich mich richtig erinnere half sie auch beim Wiederaufbau der May-Siedlung in Bornheim, die ursprünglich in den 1920er Jahren im Rahmen des Wohnungsbauprojekts „Neues Frankfurt“ unter der Leitung von Ernst May entstanden war. Sie gehörte mit meinem Großvater und meinem Vater ab 1930 zu den ersten Bewohnern der neuen Häuser in der Ortenberger Straße; sie zog erst Anfang der 80er Jahre in ein Altenheim. Noch heute erinnere ich mich an sie, wenn wir sie an den Sonntagen besuchten. Ich rieche den kräftigen Sonntagsbraten und sehe vor meinem geistigen Augie ihre winzige „Frankfurt Küche“, die Margarete Schütte-Lihotzky so unnachahmlich praktisch gestaltet hatte. Diese May-Wohnung, in der meine Oma über 50 Jahre lebte, stehen heute als Symbol für den sozialen Wohnungsbau und die moderne Architektur jener Zeit.
Warum ich das hier erzähle? Weil es Teil unserer familiären Erzählung wurde. Weil der Krieg meinen Vater traumatisiert hatte, er dann aber in seiner Arbeit Erfüllung fand und in seinem Glauben wohl auch Trost.
Meine Kindheit und Jugend in Frankfurt waren durchzogen von einer behüteten und schönen Schulzeit. Zunächst ging ich in die Comenius-Schule, die heutige IGS Nordend. Besonders die Oberstufe auf der heutigen Max Beckmann-Schule hat mich nachhaltig geprägt: Hier lernte ich, kritisch zu denken, meinen eigenen Weg zu suchen und auch zu gehen. Konsequenterweise folgte darauf ein Studium an der Goethe-Universität, ein klassisches Studium Generale: breit gefächert von Philosophie über Germanistik und Theaterwissenschaft bis VWL und Rechtswissenschaften, neugierig, manchmal auch ein bisschen ziellos, aber stets offen für neue Horizonte.
Beruflich ging es anschließend zu wie in der Echternacher Springprozession: drei Schritte vor, zwei zurück, ein kleiner Hüpfer zur Seite. Erst die Hochschulpolitik, dann einige Jahre als Stadtverordneter in der Kommunalpolitik. Parallel arbeitet ich in PR-Agenturen, Stiftungen und nach der Politik schließlich in die freie Wirtschaft; unter anderem bei einem M-Dax-notierten Konzern und einem Internet-Start-up, das pleiteging. Danach folgte der Schritt in die Selbstständigkeit als freier Journalist und Redenschreiber. Es ging mal aufwärts, mal seitwärts, selten abwärts und genau das macht rückblickend den besonderen Reiz aus.
Frankfurt wurde über all diese Jahre mehr als nur ein Wohnort für mich. Wer hier lebt, weiß: Diese Stadt nimmt einen auf, manchmal ein bisschen ruppig, aber immer herzlich. Frankfurt ist weltoffen, international und trotz seiner Hektik auf eine eigenartige Weise vertraut. Ich schätze sehr, dass Rechtsextremismus hier keine sichtbare Bühne hat; im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Großstädten. Auch wenn fast 20 Prozent der Frankfurter bei Wahlen ihr Kreuz mittlerweile bei der AfD machen, erscheinen anders als im Osten der Republik Neonazis hier nicht im öffentlichen Leben. Frankfurt hat zwar eine große Klappe, typisch für eine Stadt mit über 720.000 Einwohnern, aber auch ein großes Herz. Und weiterhin eine klare Haltung: Nazis raus!
Lieblingsorte? Davon gibt es viele. Besonders die Städtischen Bühnen und vor allem die Oper haben es mir angetan; ein Ort, an dem Kunst auf die einzigartige Frankfurter Weise gelebt wird: ambitioniert und immer voller Herzblut. Auch die großen Parks wie der Palmengarten oder der Grüne- und Günthersburgpark bieten wunderbare Rückzugsorte. Der Stadtwald ist für mich von Kindesbeinen an ein kleines Naturwunder mit dem (alten) Goetheturm am Rande der Metropole. Und natürlich der Lohrberg: Diese kleine Erhebung mit ihrem fantastischen Blick über die Stadt gehört ebenfalls zu meinen Herzensorten. Dort bewirtschafte ich gemeinsam mit einem Freundeskreis bestehend aus sieben Freundinnen und Freunde aus Schul- und Uni-Zeiten einen großen Garten. Ein Stück gelebte Gemeinschaft, die den hektischen Alltag wohltuend erdet.
Bis heute lebe ich in Bornheim und ich würde es mir kaum anders wünschen. Besonders schätze ich das alte Bornheim, das sich trotz aller Modernisierungen seinen dörflichen Charme bewahrt hat. Zwischen den verwinkelten Gassen rund um die Berger Straße weht noch ein Hauch der „Bernemer“ Vergangenheit. Vor allem die obere Berger Straße mit ihren Bars, Eckkneipen, kleinen Geschäften und Flaniermöglichkeiten ist für mich ein Lieblingsort. Hier trifft sich das echte Frankfurt: alteingesessene Bornheimer, junge Familien, vor Jahrzehnten Zugezogene, Künstler, Banker, Studenten: Sie alle schlendern, verweilen auf einen Kaffee, einen Apfelwein, ein Bierchen oder einfach auf ein Schwätzchen.
An Markttagen duftet es nach frischem Brot und Kräutern, und im Sommer sitzen die Leute bis spät in die Nacht draußen. Treffpunkt und heimliches Wahrzeichen ist dabei oft das Uhrtürmchen an der oberen Berger Straße, ein Relikt aus alter Zeit, das heute still und gelassen das bunte Treiben beobachtet. Wer hier sitzt, spürt die Gemütlichkeit Bornheims ebenso wie seine feinen Ecken und bisweilen groben Kanten.
Früher ratterte sogar noch eine Straßenbahn die Berger Straße entlang. Heute prägt die Tram die Saalburg Allee, das Bimmeln der Bahn gehörte einfach dazu. Manchmal mag der Autoverkehr laut sein, und die E-Bikes der Lieferfahrer nerven bisweilen, weil sie mit ihren frisierten Rädern über den Platz am Uhrtürmchen rattern. Aber die Atmosphäre der Bergerstraße ist geblieben: zwischen historischen Fachwerkhäusern, moderner Gastronomie und gelebter Alltagskultur. Bornheim ist bodenständig und bunt zugleich, weltoffen und doch vertraut. Diese Mischung aus städtischer Lebendigkeit und nachbarschaftlicher Wärme macht Bornheim für mich einzigartig: ein kleines Stück Heimat mitten in der Metropole.
Für mich ist es diese Vielfalt, die Frankfurts Stadtbild prägt: Das Neben- und Miteinander der Banker und Künstler, der Studierenden und Alteingesessenen, der internationalen Gäste und vor allem, dass wir trotz aller Hetze eine lebendige jüdische Community hier haben. Frankfurt ist vieles, aber niemals gleichgültig. Was ich mir wünsche? Vielleicht ein kleines bisschen mehr Gelassenheit in dieser immer schneller werdenden Stadt. Und dass die weltoffene Seele Frankfurts erhalten bleibt, selbst wenn drumherum die Winde rauer wehen.

Von Christian Gasche | www.sigmacommunication.de