Frankfurt, eine Liebe zwischen Freiburg und Norddeutschland.
Eine Liebesgeschichte
Warum ich nach Frankfurt gekommen bin?
Genau genommen gab es für mich keinen bestimmten Grund, Frankfurt als Zentrum für mein Leben zu wählen. Eigentlich war es reiner Zufall. Aber den gibt’s ja bekanntlich gar nicht.
Es fing einfach an. Ich weiß noch als ich 1988 heulend in einem Zug von Freiburg auf dem Weg zurück in meine bisherige Heimat – dieser kleinen Großstadt mit Universität in Norddeutschland– saß. Zu Tode gekränkt!
Es war ein heißer August Tag, die nackten Beine blieben an den roten Kunstledersitzen kleben und ich war voller Traurigkeit. Wir hatten uns getrennt. Dieser selbstverliebte Studi und ich.
Der deutsche Sommer zog am Schiebefenster des Abteils vorbei, mir standen die Tränen in den Augen und ich rauchte dem Fahrtwind entgegen. Dieser Zigarettengeruch in den Zügen von damals war charakteristisch. Kalter Rauch. Das kam daher, dass alle es taten. Es galt als ein Statement setzend, Zigaretten zu rauchen. Die stärkste Aussage waren Selbstgedrehte aus Tabak in blauen Packungen mit einem Löwenkopf. Auf meiner Zugreise vom Süden ins Nördliche war es gefühlt die 20. Kippe. Die Hitze, der Geruch. Dennoch fühlte ich mich trotz der Trauer seltsam erleichtert. Eine Tür war zugefallen und eine neue musste aufgehen. Was hatte ich denn zu verlieren? Meine Wohnung in der alten Heimat war wieder vermietet, meine Habseligkeiten bei einem Freund in der Mansarde. War ohnehin nicht viel. Mein neues Leben sollte mit der hier nicht näher zu erwähnenden Person im südlichen Baden sein. Nun war also alles geplatzt. Rückblickend war es natürlich eine studentische Seifenblase. Mit 22 Jahren sollte man sich nicht binden, egal mit wem.
Und genau genommen war lediglich meine Eitelkeit verletzt. Dieser Umstand nun – wenngleich unbewusst – sollte der Antrieb sein, etwas ganz anderes zu versuchen.
Etwas richtig Großes, mit Abenteuer.
Der Zug ruckelte also weiter durch Deutschland, Karlsruhe, Mannheim, Frankfurt…
Frankfurt am Main? Da war ich doch schon einmal vor ein paar Jahren, die Stadt, die die Kriminalstatistik anführt, wo das Geld regiert, Häuser besetzt werden, Startbahn-West, Demos…das klang nach Weltoffenheit. So ein bisschen wie New York.
Der Zug stoppte, denn die Lok musste umgehängt werden. Damals war alles gemächlicher und es gab mehr Zeit zum Nachdenken.
Wenn ich mich traute, tief in mich hineinzuspüren, dann war die Antwort klar: das mit dem Typen wollte ich alles doch gar nicht.
Das war das, was sich die Eltern sich so wünschten. Und ich? Abgefüllt von Kleinbürgerlichkeit, in Rollenmuster gezwängt, passte mich an.
Bis zu dem Zeitpunkt, als ich heulend im Zug, schwitzend festgeklebt an einen dunkelroten Sitz aus Kunstleder saß.
Nur am Wasser kratzen und zuschauen, wie andere hineinspringen? Schwimmen, vielleicht untergehen, aber wieder auftauchen. Dazu fehlte mir schlicht der Mut.
Dennoch, ich hatte wirklich nichts zu verlieren, also: „Ich werde nach Frankfurt am Main ziehen.“ Ohne Job, ohne Wohnung, mit – wie soll ich das nennen? – grenzenloser Zuversicht und einer bis dahin ungekannten Stärke.
Freiheit.
Nach ein paar Tagen im Norden daheim, packte ich erneut meine Sachen und machte mich auf den Weg zurück nach Mainhattan.
Auszug aus dem Tagebuch
Frankfurt, 18.08.1988
Seit fünf Minuten bin ich nun in Frankfurt. Die Fahrt hierher hab ich billig mit der Mitfahrzentrale hinter mich gebracht. Der Typ war zwar Jurist, aber ganz ok. Jetzt warte ich auf den Bus nach Sachsenhausen in die Jugendherberge. Hoffentlich muss ich dort nicht so lange wohnen und finde schnell ein Zimmer in einer WG. Ich bin fest entschlossen, hier zu bleiben, zu arbeiten und zu studieren.
Zu diesem Zeitpunkt saß ich nachmittags in der August-Hitze, meine schwarze Reisetasche unter dem Po, auf dem trockenem Grasboden am Baseler Platz im Bahnhofsviertel. Egal. Um mich herum jedenfalls war es fast so wie heute. Bunte Menschen, Leute, die Häuser besetzten, Touristen, kaputte Existenzen, alle Hautfarben und eben auch Dreck und Armut. Viel Verkehr, laut und der Geruch nach Benzin, Alkohol und Rauch. Dennoch, Toleranz lag in der Luft.
Alles wovor mich meine Eltern gewarnt hatten.
Für mich war das vor 37 Jahren das pralle Leben. Ein Abbruch einiger Brücken, ein Aufbruch, ein Lebensabenteuer. Reise mit leichtem Gepäck. Mein Credo bis heute.
Tagebuch Später am Ende des Tages
…die letzte Zigarette und dann ins Bett. Ich bin in einem Zimmer der Jugendherberge am Deutschherrenufer und teile mir den Raum mit fünf anderen Frauen unterschiedlicher Nationalität. Ecuador, Kolumbien, Afrika. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache, aber wir verstehen uns trotzdem, rauchen zusammen, lachen und waschen unsere verschwitzte Unterwäsche in der Dusche.
Es ist mein Sommer, die Welt steht bereit und ich darf ein Teil davon sein.
Frankfurt, 19.08.1988
Der erste Schritt ins neue Leben ist getan: Es hat funktioniert. Ein WG-Zimmer für 500,- DM. Ich denke, es hat sich gelohnt. So schnell ein Dach über dem Kopf. Juhu. Morgen ziehe ich ein. Speicherstraße im Gutleutviertel. Das soll wohl alles so sein.
Nur mal nebenbei: Da wo heute teure Wohnungen in imposanten Häusern und privaten Bootsanleger am Main zu finden sind, standen zu der Zeit Holzbaracken mit mehr oder weniger seltsamen Inhalten. Es waren Lagerräume am Westhafen mit Teppichen, Möbeln und anderen Dingen. Hat man nicht hinterfragt.
Tagebuch: Frankfurt, 20.08.1988
Geschafft, der Arbeitsvertrag ist unterschrieben. Es ist 11:00 Uhr. Ich sitze auf dem Römerberg und schaue dem Paar zu, das sich gerade ver-heiratet hat. Sooo romantisch in dieser hübschen Kulisse.
Und für mich? Wohnung ok, Job ok.!
Aber Freunde hab‘ ich noch nicht. Nicht so schnell junge Dame, du fängst gerade erst an. Ich werde für eine Zeitarbeitsfirma tätig sein. Das ist so ganz nach meinem Geschmack. Immer für andere Branchen, immer wieder neu. Und wenn ich die drei Jahre Berufserfahrung habe, kann ich Bafög beantragen und Marketing studieren, denn Kreativität ist ein Muss.
Tagebuch: Später am Ende des Tages
Heute Nacht schlafe ich das erste Mal in der neuen Wohnung. Meine derzeitige Mitbewohnerin erzählte noch schnell, bevor sie auf Reisen ging, dass die Vormieter einem Mafia-Clan angehörten und dass es einen versteckten Safe in dem Altbau gäbe. Allein die Vorstellung, dass hier mal menschliches Blut an den Wänden klebte.
Hihi, schöne Story für die Altvorderen im Norden beim nächsten Besuch.
Aber ich will nichts verdrängen, die erste Nacht allein in einer großen Wohnung einer gänzlich fremden Stadt ist zwar nicht sehr unangenehm, aber auch nicht so super. Es regnet, die Unfallwagen fahren ununterbro-chen, so scheint es, die Flieger machen einen unglaublichen Lärm, Autos, Laster, totales, metallenes Leben, das Licht der AEG gegenüber auf der anderen Mainseite. Die Gegend hier ist wirklich nicht besonders erbaulich.
Wo finde ich eine schöne Wohnung? Wie stelle ich das an? Reicht das Geld? Wie sind die neuen Leute im Job?
Ich bin ein Glückskind. Wohnung, Job, Stories, alles da. Immer wieder anders nach all der Zeit.
Jedoch bei den Besuchen am Tische meiner Eltern, war mir fast jedes Mittel in meinen Erzählungen recht, um die „Weltstadt des Verbrechens“ auszuschmücken. Aber manchmal unterstützt das Stilmittel der Übertreibung das Verstehen. Warum auch immer ich das tat, vielleicht war es der Wunsch nach Bestätigung unbesiegbar zu sein.
Aus Trotz? Wegen der stinkigen Zugfahrt?
Ach Frankfurt, ich tu‘ dir Unrecht. Du eröffnetest mir Horizonte, du lehrst Demut, du gabst mir Wissen. Du schenktest Liebe. In jeder Phase meines Seins begleiteten mich Menschen. Manche sind geblieben, andere verschwanden. Frankfurt gibt viel und verlangt dafür auch einiges. Vielleicht die Unschuld? Der Vergleich mit New York, The city that never sleeps, hinkt. Du schläfst doch, Frankfurt, du kannst so piefig sein und verpennt. Nach 1- 2 Bembeln auf jeden Fall.
Noch eine Anekdote aus dem Tagebuch:
Frankfurt, 23.09.1988
Das mit dem Apfelwein, es war ein Fehler. Nicht meiner allein, denn später habe ich von meinen Kollegen gehört, dass viele oder fast alle Menschen die neu nach Frankfurt kommen, das Stöffsche „pur“ trinken. In meinem Fall die Mittagssonne im September in Alt-Sachsenhausen. Verzückt von der Historie drumherum. Das Aufstehen nach drei puren Gerippten. Oh, du meine Güte und erst der Morgen danach. Nein, Leute, mir ging es überhaupt nicht gut.
Und doch habe ich mich gewöhnt. An Frankfurter Bäder (also diese Wannen im Schrank), grüne Sauce, den Dialekt, hier und da ein Promi auf der Berger Straße, Volksbildungsheim, Waldstadion, Zeil, Hauptwache, Demos, Gras, Lieder im Park, Flughafen, Johann-Wolfgangs Omnipräsenz.
Es lebe der weltoffene Spirit dieser Stadt. Ca. 175 Nationen, das ist schon ein Pfund.
Deshalb: Die Welt ist mein Zuhause und Frankfurt mein Wohnzimmer.
Danke!
Kirsten Mantel